Schachliche und mentale Gründe für Zeitnot. Die genaue Ursachenforschung ist der Schlüssel zur Lösung der Zeitnotproblematik.

ZEITNOT

In Zeitnot sieht man selbst auf Großmeisterniveau immer wieder grobe Fehler. Die Uhr ist aber genauso wichtig wie das Brett oder die Figuren.

Entscheidend ist vor allem, nicht in Zeitnot zu kommen

Was ist Zeitnot?

Wenn Sie nicht mehr viel Zeit haben bis zur nächsten Zeitkontrolle.

Eine genaue Definition gibt es nicht. Zeitnot ist etwas Subjektives und wird von jedem Spieler und jeder Spielerin anders empfunden.

60 Sekunden oder weniger pro Zug ist aber jedenfalls Zeitnot, auch wenn sogar das gelegentlich bestritten wird.

Ist Zeitnot wirklich so schlimm?

Ein glasklares JA.

Ein besonders ernstes Problem mit der Zeitnot besteht, wenn sie ständig auftritt.

Selbst Spielern und Spielerinnen mit viel Zeitnot-Erfahrung passieren immer wieder haarsträubende Schnitzer, die in keinem Verhältnis zu ihrer Spielstärke stehen.

Lösungsansätze zur Vermeidung von chronischer Zeitnot

Entscheidend ist die Ursachenforschung

Das Wichtigste, zugleich aber auch das Schwierigste, ist herauszufinden, warum Sie in Zeitnot geraten. Auch stellt sich die Frage, ob das immer geschieht, häufig oder nur gelegentlich.

Dass eine einzelne Schachpartie einmal so voll schwieriger Entscheidungen sein kann, dass Sie in Zeitnot kommen, gilt nicht als chronische Zeitnot und muss Sie nicht beunruhigen.

Warum kommt man ständig in Zeitnot? Sind die Gründe schachlicher oder mentaler Natur? Ursachenforschung ist angesagt.

Eine Zeitmitschrift kann Ihnen helfen herauszufinden, bei welchen Zügen Sie wie viel Zeit verbraucht haben.

Um diese Zeitfresser genauer zu identifizieren, kann es notwendig sein, dass Sie die noch verbliebene Bedenkzeit nach jedem Zug am Partieformular notieren.

Es kann aber auch ausreichen, sich nur dann Notizen zu machen, wenn Sie über einen Zug besonders lange nachgedacht haben.

Das hängt davon ab, ob Sie für fast jeden Zug zu viel Zeit verbrauchen oder nur für einzelne Züge.

Die Gründe für Ihre Zeitnot können schachlicher oder mentaler Natur sein.

Schachliche Gründe für Zeitnot

Verbrauchen Sie in der Eröffnung zu viel Zeit, könnten mangelnde Eröffnungskenntnisse oder ungenügende theoretische Vorbereitung der Grund sein.

Fehlende Spielpraxis kann ebenfalls zu Zeitnot führen. Spielen Sie selten, kann es tatsächlich sein, dass Ihnen die Geläufigkeit ein wenig abhanden gekommen ist.

Wenn Sie dadurch auch das Gefühl haben, spielerisch nicht ganz auf der Höhe zu sein und deshalb für Entscheidungen länger brauchen, kommen wir in den mentalen Bereich.

Ein weiterer Grund für Zeitnot könnte das ungenügende Ausnutzen der gegnerischen Bedenkzeit sein.

Geringe motivtheoretische Kenntnisse können der Grund für lange Planfindung und Kombinationssuche sein.

Haben Sie eine Vorliebe für komplizierte Stellungen und kommen dadurch immer nur Sie in Zeitnot, gibt es ebenfalls Handlungsbedarf. Aber auch bei beidseitiger Zeitnot, kann es sein, dass Sie etwas ändern möchten.

Zeitnotschlachten führen nämlich häufiger zu zufälligen Ergebnissen. Je nach dem, ob Sie nun oft gegen Stärkere oder Schwächere spielen, kann das mehr oder weniger günstig für Sie sein.

Mentale Gründe für Zeitnot

Ein oftmals vorkommender Grund ist der Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit. Das kann dazu führen, dass Sie die selben Varianten immer und immer wieder rechnen und überprüfen.

Das muss nicht nur taktische, sondern kann auch strategische Entscheidungen betreffen. Das berühmteste Beispiel ist wohl, wenn jemand eine halbe Stunde über Tad1 oder Tfd1 nachdenkt.

Die zu große Liebe für nicht so wichtige Details, die Schwierigkeit, sich zwischen Alternativen entscheiden zu können, aber auch Perfektionismus können hier eine Rolle spielen.

Überlegen Sie sich, ob das Problem überhaupt lösbar ist und wenn, ob es die Zeit, die Sie dafür brauchen, auch wert ist.

Nicht jedes Problem lässt eine exakte Lösung zu.

Wenn Sie für einzelne Züge in langes, tiefes Nachdenken versinken, denken Sie daran, dass am Ende dieses exzessiven Bedenkzeitverbrauchs oft nicht der beste Zug folgt.

Vermeiden Sie es, verpassten Gelegenheiten während der Partie nachzutrauern.

Zu großer Respekt vor Ihrem Gegenüber kann ebenfalls dazu führen, dass Sie sich nicht entschließen können, einen Zug zu machen. Denken Sie daran, dass es kaum eine Sportart gibt, bei der der Schwächere so viele Chancen hat wie beim Schach.

Die zusätzliche Anspannung bei wichtigen Partien kann Sie dazu bringen, bei jedem Zug mehr Sorgfalt, aber eben auch mehr Zeit aufzuwenden. Unter Druck zu spielen, ist ein besonderes Kapitel und betrifft nicht nur die Zeitnot.

Andere Gründe

Kommen Sie immer pünktlich zu Ihren Partien?

Sitzen Sie immer am Brett oder sind Sie viel unterwegs? Anstellen für ein Getränk, Warten bis die Toilette frei wird, einige Runden durch den Saal andere Partien anschauen, ...

Lassen Sie sich ablenken, beispielsweise durch einen Streit am Nebenbrett?

Manchmal kommt es vor, sich absichtlich in Zeitnot fallen zu lassen, beispielsweise um sein Gegenüber in einer Remisstellung zu unvorsichtigem Handeln zu verleiten. Das ist natürlich mit erheblichem Risiko verbunden und kann auch leicht schief gehen.

Auch wenn Sie sehr schlecht stehen, kann Zeitnot die letzte Rettung sein. Hier besteht für Sie die Möglichkeit, Ihr Gegenüber zu einem Blitzduell zu verleiten. Und zu verlieren haben Sie ja nicht mehr viel.

Jedenfalls gilt: Behalten Sie die Schachuhr stets im Auge.

Motivtheorie ist in Zeitnot besonders wichtig

Wenn Sie keine Zeit haben, können Sie nicht lange nach Motiven suchen

Je rascher Sie Entscheidungen treffen müssen, desto wichtiger sind motivtheoretische Vorbilder.

Stellen Sie sich vor, Sie sind in Zeitnot und haben folgende Stellung am Brett:

  • Weiß am Zug
    Schachdiagramm
    Beispiel 1

    Der weiße Freibauer scheint gut blockiert zu sein.

    Wie kann Weiß diese Blockade brechen?

  • Lösung
    Schachdiagramm








    Mit 1.Dxg7+.

    Nach 1. ... Kxg7 2.e8S+ Kf8 3.Sxc7 behält Weiß eine Mehrfigur.

Motive mit wenig Zeit auf der Uhr rasch erkennen

Erstes Motiv: Die Umwandlung eines Freibauern gehört zu den wichtigsten Zielen im Endspiel.

Zweites Motiv: Beseitigung jener Figur, die verhindert, dass der Bauer einzieht.

Drittes Motiv: Die Springergabel. Der Bauer darf sich in jede beliebige Figur der eigenen Farbe umwandeln.

Die Umwandlung in eine Dame scheitert an der schwachen weißen Grundlinie.

Feine Unterschiede schnell erfassen

In den allermeisten Fällen wird der Bauer in die stärkste Figur, die Dame umgewandelt. Es gibt aber Ausnahmen, bei denen die Umwandlung in die Dame Nachteile hat.

  • Weiß / Schwarz am Zug
    Schachdiagramm
    Beispiele 2 bis 5

    Vier Stellungen zum Thema Umwandlung. Die restlichen drei anderen Viertel des Brettes sind jeweils leer.

    In der oberen Bretthälfte ist Weiß am Zug, in der unteren Bretthälfte Schwarz.

    In allen Beispielen zieht der Bauer ein. In welche Figur soll er umgewandelt werden?

  • Lösung
    Schachdiagramm








    Links oben:
    In eine Dame: 1.a7-a8D matt.

    Rechts oben:
    In einen Turm : 1.f7-f8T

    Links unten:
    In einen Läufer: 1. ... c2-c1L

    Rechts unten:
    In einen Springer: 1. ... f2-f1S

Warum ist das so?

Zwei Themen haben bei der Umwandlung des Bauern in eine andere Figur als die Dame große praktische Bedeutung.

Erstens die Vermeidung von Patt und zweitens die Umwandlung in einen Springer wegen der Möglichkeit einer Gabel.

Links oben setzt die Dame matt.

Rechts oben würde die Umwandlung in eine Dame pattsetzen und jede andere Figur nicht gewinnen.

Links unten würden Dame oder Turm pattsetzen und ein Springer nicht gewinnen. Mit Hilfe der ungleichfarbigen Läufer wird der König in der Ecke mattgesetzt.

Rechts unten drohte 1. ... Sxf2 und die Umwandlung in eine andere Figur als einen Springer würde die Gabel Sg3+ und Sxf1 erlauben. Mit zwei Springern kann man nicht mattsetzen, mit drei Springern gegen einen Springer hingegen schon. Hier ist es aber noch leichter, weil auch der Sh1 verloren geht.

Motivtheoretisches Wissen

Wenn Sie die motivtheoretischen Ansätze kennen, können Sie diese Beispiele auch in Zeitnot lösen.

Andernfalls ist es auch mit viel Bedenkzeit schwierig.

Motivtheorie hilft Ihnen aber auch, um Ihrem in Zeitnot befindlichem Gegenüber ordentlich Schwierigkeiten zu bereiten.

Das geschickte Ausnutzen gegnerischer Zeitnot ist ein wichtiges Thema im praktischen Training.

Rasche Entscheidungen durch motivtheoretisches Wissen. Finden Sie den Gewinn.

Mattmotive zu kennen, hilft in Zeitnot. Finden Sie das Matt.