Regelmäßiges Taktiktraining verbessert ganz gezielt Ihre motivtheoretischen Kenntnisse, Ihre Rechenfertigkeit sowie Ihr Vorstellungsvermögen und damit Ihre Spielstärke.

TAKTIKTRAINING

Auch wenn Sie Ihr Gegenüber sicher im Griff zu haben scheinen, kann jeder taktische Fehltritt die Partie sofort kippen lassen.

Taktik ist die wichtigste Komponente des Spiels

Was ist Taktik?

Die unmittelbare Wirkung der Figuren aufeinander.

Warum ist Taktik so bedeutend?

Einfach durch die Tatsache, dass Figuren wechselseitig aufeinander wirken, sind taktische Erwägungen ständiger Spiel­bestandteil vom ersten bis zum letzten Zug der Partie.

Nehmen wir als Beispiel Königsgambit. Schon nach den ersten beiden Zügen 1.e4 e5 2.f4 beginnen taktische Komplikationen, weil die Bauern f4 und e5 einander gegenseitig bedrohen und die Todesschräge e1-h4 geöffnet ist, was die Gelegenheit zu Dh4+ bietet.

Im Gegensatz zu strategischen Ungenauigkeiten können taktische Fehler das sofortige Ende der Partie bedeuten. Auch wenn Sie Ihr Gegenüber nach allen Regeln der Kunst überspielt haben, kann ein einziger Fehler genügen, um die Partie noch zu verlieren.

Selbst Weltklassespielern können unglaubliche Schnitzer unterlaufen. 2006 übersah Kramnik gegen Deep Fritz ein einzügiges Matt.

Sogar Weltmeisterschaftskämpfe wurden schon durch wirklich grobe Fehler entschieden.

Taktik oder Strategie, was hat Vorrang?

Planvolles Spiel sollte die Grundlage jeder Schachpartie sein. Es kommt aber immer wieder vor, dass strategisch wünschenswerte Ziele aufgrund der besonderen Figurenkonstellation taktisch nicht verwirklichbar sind.

Ein noch so schöner Plan hilft nicht, wenn er beispielsweise mit einem Zwischenzug oder gegnerischen Figurenopfer widerlegt werden kann.

Deshalb gilt: Taktik hat immer Vorrang, was aber nicht bedeutet, dass Strategie nicht wichtig wäre oder man sich um strategische Fragen nicht kümmern muss.

Entscheiden Sie, ob sich der strategisch wünschenswerte Plan auch taktisch umsetzen lässt.

Die drei wichtigsten Ziele des Taktiktrainings

Erstens: Motivtheoretische Kenntnisse verbessern

Ziel beim Trainieren von Taktikaufgaben ist das Einprägen und vor allem auch Nicht-wieder-vergessen möglichst zahlreicher taktischer Motive. Durch diese Vorbilder sind Sie viel besser in der Lage, vernünftige Ideen zu verfolgen.

Ohne diese motivtheoretischen Kenntnisse hingegen ist es viel schwieriger, am Brett wirkungsvolle Kombinationen zu finden.

Motivstudium ist für die Steigerung der Spielstärke deshalb unerlässlich.

Ein Motiv, das Sie vielleicht noch nicht kennen. Versuchen Sie, es sich einzuprägen und dauerhaft zu merken.

Zweitens: Rechentechnik verbessern

Wenn Sie ein Motiv sehen, ist es notwendig, möglichst genau vorherzusehen, welche Züge Ihr Gegenüber machen könnte. Kombinieren erfordert eine genaue Berechnung der eigenen und gegnerischen Züge.

Ähnlich wie in der Mathematik: beim Rechnen ist Genauigkeit gefragt, beim Finden von Plänen Kreativität.

Dabei ist es wichtig, möglichst methodisch und ökonomisch vorzugehen. Rechnen kostet viel Konzentration und Kraft, aber auch Bedenkzeit.

Wichtig ist deshalb auch die richtige Einschätzung, wann sich intensives Rechnen lohnen könnte. Ein Angriff auf den gegnerischen König mit nur zwei Figuren ist sehr wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Drittens: Vorstellungsvermögen stärken

Durch regelmäßige Übung gelingt es Ihnen, sich Stellungen viel besser vorstellen zu können.

Je genauer Sie eine Stellung nach wenigen Halbzügen sehen, desto fundierter werden Ihre Entscheidungen sein.

Ein äußerst anspruchsvolles Beispiel zum Thema Königsangriff, bei dem Ihr motivtheoretisches Wissen, Ihre Rechentechnik und Ihr Vorstellungsvermögen besonders gefordert sind.

Einige Tipps, wie Sie Taktik richtig trainieren

Trainieren Sie regelmäßig

Geläufigkeit spielt eine große Rolle. Das gilt für alle Spieler und Spielerinnen. Darüberhinaus wird regelmäßiges Taktiktraining für Sie umso wichtiger, je seltener Sie spielen und je weniger Praxis Sie haben.

Taktiktraining im Alltag

Taktiktraining ist im Alltag relativ gut unterzubringen.

Weil es sich bei taktischen Aufgaben um spielentscheidende Situationen handelt, gibt es fast immer eine klare Lösung, die relativ kurz ist.

Bei strategischen Aufgaben oder Endspielen sind die Lösungen meistens komplexer. Sie zu verstehen ist schwieriger und dauert länger.

Das bedeutet, dass Sie wenig Zeit am Stück brauchen, um Taktik sinnvoll zu trainieren. Sogar in Bus und Bahn ist das ganz leicht möglich.

Ein kurzes motivtheoretisches Beispiel zum Thema Schwerfigurenendspiel, das ideal für Ihr Taktiktraining im Alltag ist.

Taktiktraining auf interaktiven Plattformen

Taktiktraining auf interaktiven Plattformen bietet Ihnen einige Vorteile.

Die Beispiele sind computergetestet und deshalb zu 99,9% richtig. Bei modernen Büchern ist das ähnlich, bei älteren Büchern kommen Fehler doch relativ häufig vor.

Sie können den Schwierigkeitsgrad der Beispiele individuell anpassen. Beim Bücherkauf ist das nicht so leicht möglich.

Das Wiederholen von Beispielen fällt leichter, weil es beim interaktiven Training schon vorgesehen ist. Außerdem sehen Sie in einer Übersicht sofort, welche Beispiele falsch waren.

Interaktive Plattformen liefern allerdings kaum Erklärungen. Hier sind Bücher klar im Vorteil.

Bücher und PC sind kein Gegensatz und können sich ideal ergänzen.

Wenn Sie mit Büchern arbeiten, versuchen Sie, die Beispiele immer vom Blatt zu lösen. Das Aufstellen von Figuren kostet viel zu viel wertvolle Trainingszeit. Fehler beim Aufstellen tun ein Übriges.

Die Evaluierung des Trainingserfolgs

Bei interaktiven Trainingsplattformen haben Sie die Möglichkeit, sich bewerten zu lassen und können so den Trainingsfortschritt leichter selbst evaluieren.

Dabei müssen Sie allerdings vorsichtig sein, denn interaktive Plattformen passen ihre Rating-Bewertungssysteme von Zeit zu Zeit neu an und Sie haben kaum Vergleichsmöglichkeiten.

Das Verhältnis zwischen richtig und falsch gelösten Beispielen ist deshalb für die Evaluierung mindestens ebenso wichtig. Außerdem gibt es zwischen ganz richtig und ganz falsch einen großen Graubereich.

Es kann aber auch sinnvoll sein, vollkommen stressfrei zu trainieren und alle Bewertungen vollkommen außer Acht zu lassen.

Wählen Sie Ihre Trainingsinhalte mit Sorgfalt aus

Dazu gehören die Trainingsthemen, also was trainiert werden soll: vor allem Motivstudium und Vorausberechnung.

Diese beiden Faktoren stehen in einem direkten Zusammenhang zur Spielstärke und sind deshalb für das praktische Training besonders bedeutend.

Es gibt viele verschiedene motivtheoretischen Themen. Wenn Sie sich beispielweise mit Königsangriff beschäftigen, können zwei- und dreizügige Mattaufgaben aus praktischen Partien Sie dabei perfekt unterstützen.

Sie sind am Zug. Einmal mit Weiß und einmal mit Schwarz. In nur einem Diagramm können Sie mit beiden Seiten in jeweils zwei Zügen mattsetzen.

Schwierigkeitsgrad der Beispiele

Ein ganz wichtiger Trainingsfaktor.

Lösen Sie kaum ein Beispiel, werden Sie rasch die Freude am Training verlieren.

Lösen Sie alle Beispiele, haben Sie zu wenig Neues dazugelernt.

Taktiktraining in der Praxis

Was sind Motive?

Ein Motiv ist eine bestimmte Idee, die in verschiedenen, auch völlig unterschiedlichen Stellungen vorkommen kann, aber ganz charakteristische Stellungsmerkmale braucht, um verwirklicht werden zu können.

Ein typisches Beispiel:

Weiß am Zug
Schachdiagramm








Weiß spielt 1.Sf7+ und setzt nach 1. ... Kg8 2.Sh6+ Kh8 3.Dg8+ Txg8 mit 4.Sf7 matt. Auf 1. ... Txf7 entscheidet 2.Db8+.

Das erstickte Matt im Zusammenspiel von Dame und Springer ist ein Motiv.

Haben Sie dieses Motiv vorher noch nie gesehen, ist das Diagramm für Sie nahezu unlösbar.

Einige Stellungsveränderungen würden das Motiv beeinflussen, andere nicht.

Das Motiv würde sich nicht ändern, wäre auf g7 ein schwarzer Läufer oder würde die weiße Dame auf d5 stehen.

Mit einem schwarzen Läufer auf f8 etwa wäre 3.Dg8 sofort matt. Ohne schwache Grundreihe ginge möglicherweise die Verteidigung 1. ... Txf7.

Gäbe es keinen weißen Springer mehr am Brett, würde das Motiv gar nicht in Betracht kommen, stünde der Springer woanders, wäre es vielleicht ein Plan, ihn nach g5 zu bringen.

Je mehr motivtheoretische Vorbilder Sie kennen, desto leichter fällt Ihnen das Kombinieren.

Einfach schwierig

Das Beispiel ist eigentlich ziemlich schwierig, wird in der Literatur aber sehr häufig verwendet und ist deshalb recht bekannt.

Ob Sie eine Stellung als einfach oder schwierig empfinden, hängt vor allem von Ihrem motivtheoretischen Wissen ab.

Nur wenn Sie ein Motiv überhaupt sehen, spielen weitere Faktoren wie die Anzahl vorauszuberechnender Züge oder Variantensplitting eine Rolle.

Oft wird das Gefühl beschrieben, die Lösung hätte einen gleichsam angesprungen, sobald man ein bestimmtes Motiv erkannt hat.

Motivthemen

Taktische Motive können verschiedenen Themen zugeordnet werden.

Unser Beispiel gehört gleich zu mehreren thematischen Kategorien: Damenopfer, ersticktes Matt und schwache Grundreihe, um die drei wichtigsten zu nennen.

Haben Sie bei einem motivtheoretischen Thema Schwächen, können Sie mit ausgesuchten Beispielen ganz gezielt gegen diese Schwächen trainieren.

Ein sehr kurzes und interessantes motivtheoretisches Beispiel zum Thema Doppelangriff.

Schachblindheit

Selbst einfachste Dinge können übersehen werden.

Ärgern Sie sich nicht (zu viel). Sie sind in guter Gesellschaft, denn Schachblindheit kommt sogar in der Weltklasse vor.

Schon der WM-Kampf 1892 zwischen Steinitz und Chigorin wurde durch das Nichtbeachten einer einfachen zweizügigen Mattdrohung, noch dazu in Gewinnstellung, entschieden.

Bis heute hat sich da nichts geändert. Unglaubliche Beispiele von Schachblindheit kommen immer wieder vor.

Methodisches Taktiktraining anhand des Beispiels Symmetrie

Um motivtheoretische Probleme erfolgreich zu bewältigen, bedarf es zunächst der Kenntnis des jeweils zutreffenden Motivs. Oft sind es auch mehrere. Aber auch danach gibt es noch Hürden.

Manchmal kommt es vor, dass man etwas "fast" sieht. Aber wie lässt sich diese oft nur kleine Lücke zwischen "sehen" und "fast sehen" schließen?

Dazu gibt es verschiedene relativ leicht erlernbare Techniken, die beim Lösen von Beispielen hilfreich sind.

Ich greife eine heraus, die sehr einfach ist und von Ihnen sofort umgesetzt werden kann.

Was sind Symmetrien?

Eine Symmetrie ist die Verwirklichung einer spiegelbildlichen Idee.

Ein typisches Beispiel:

Weiß am Zug
Schachdiagramm








Weiß spielt 1.Sf4 und setzt nach exf4 mit 2.Dg8 matt. Auf 1. ... Txf8 entscheidet 2.Sxg6.

Für die Lösung entscheidend ist das Motiv Dg8 matt.

Wenn Sie dieses Motiv nicht (er)kennen, können Sie das Beispiel nicht lösen.

Wenn Sie es erkennen, könnte es sein, dass Ihnen als Erstes 1.Sf6+ einfällt.

Nach 1. ... gxf6 gibt es jedoch kein Matt, weil die Dame nun von g6 aus das Feld g8 deckt.

Nun könnten Sie enttäuscht sein und nach irgendeiner vollkommen anderen Idee suchen.

Bevor Sie das tun, sollten Sie den Gedanken der Symmetrie aufgreifen. In diesem Fall der Feldersymmetrie.

Das bedeutet auch alle anderen Springerzüge zu untersuchen, die einen gefährlichen Abzugsangriff auf das Feld g8 starten.

Wenn Sie methodisch vorgehen und den Angriff auf die wertvollste Figur als Erstes untersuchen, sehen Sie, dass 1.Se7 an 1. ... Sxe7 scheitert, kommen zu 1.Sf4 und lösen das Beispiel sofort.

Es gibt verschiedene Arten von Symmetrien.

Ein schwierigeres motivtheoretisches Beispiel zur Zugreihenfolgensymmetrie mit ein paar Tipps, wie Sie an die Lösung solcher Beispiele herangehen können.

Der praktische Nutzen

Der praktische Nutzen auf Symmetrien zu achten, liegt darin, dass Sie mit geringem Aufwand Ihnen vorerst verborgen gebliebene zusätzliche Lösungsansätze finden können.

Taktik als Mittel zur Änderung des Partieverlaufs

In der Praxis kommt es häufig vor, dass eine Fortsetzung zu ruhigem positionellen Spiel führt, während eine andere Fortsetzung das Spiel mehr oder weniger stark verschärft, was intensivere taktische Auseinander­setzungen wahrscheinlicher macht.

Ebenso kann in der Verteidigung eine gedrücktere Stellung mit langwierigem Lavieren in Kauf genommen oder mit einem zweischneidigen Gegenangriff eine rasche Entscheidung gesucht werden.

Hier kommt es nicht nur auf die richtige Einschätzung der Lage auf dem Brett an, sondern auch auf die richtige Einschätzung der persönlichen Stärken und Schwächen.

Wenn etwa aufgrund der bisherigen Ergebnisse davon auszugehen ist, dass einer Verteidigung in gedrückter Stellung ohne Gegenspiel wenig Erfolg beschieden sein wird, könnte eine Änderung des Spielverlauf sinnvoll sein.

Ein Beispiel zum Trainingsthema Angriff. Würden Sie in dieser taktischen Stellung eher weniger forciert fortsetzen oder sofort die Entscheidung suchen?

Maßgeschneidertes Taktiktraining

Beispiele finden, die für Ihre Spielstärke gerade richtig sind

Beispiele sollten nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwierig sein. Vier sich nur geringfügig unterscheidende Beispiele mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Finden Sie heraus, welche Beispiele für Sie interessant sind.

In allen Beispielen ist Weiß am Zug. Wie bewerten Sie jeweils die motivtheoretische Idee 1.Txc6 bei beidseitig bestem Spiel.

Glauben Sie, dass Weiß gewinnt, Schwarz gewinnt oder die Partie remis endet.

Weiß am Zug
Beispiel 1
Button Schachdiagramm Lösung
Weiß am Zug
Beispiel 2
Button Schachdiagramm Lösung
Weiß am Zug
Beispiel 3
Button Schachdiagramm Lösung
Weiß am Zug
Beispiel 4
Button Schachdiagramm Lösung

Trainingszeit ist kostbar

Achten Sie auf den Zeitaufwand, den Sie für Taktiktraining insgesamt verwenden. Nehmen Sie sich nicht nur Zeit zum Lösen der Aufgaben, sondern vor allem auch für das Studium der Lösungen.

Es kostet sehr viel Zeit und wird Ihnen nicht gelingen, immer alle Beispiele perfekt gelöst zu haben.

Ein wichtiger Trainingsfaktor ist der Zeitaufwand im richtigen Verhältnis zwischen dem Lösen und Lernen von Aufgaben.

Suchen Sie nicht ewig nach motivtheoretischen Ideen, die Sie noch nicht kennen. Verwenden Sie die Zeit lieber, um sich die neuen Motive einzuprägen.

Wenn Sie dieses Motiv zum Thema Königsangriff noch nicht kennen und sich mit dem Beispiel so lange beschäftigen, bis Sie es gefunden haben, sollten Sie sich länger nichts vornehmen.

Der Trainingsfortschritt entsteht vor allem durch eine genaue Fehlerkorrektur. Falsch gelöste Beispiele sollten Sie deshalb stets gründlich wiederholen und dabei auch klären, warum Ihnen die Lösung nicht gelungen ist.

Wie auch auf allen anderen Gebieten des Schachtrainings gilt es, jeden Fehler nur einmal zu machen.

Intuition

Es gibt Entscheidungen am Schachbrett, die aufgrund ihrer Komplexität nicht bis ins letzte Detail kalkuliert werden können. Hier kommt die Intuition ins Spiel.

Ein berühmtes Beispiel zeigt das folgende Diagramm. Es handelt sich um die Partie Kasparov-Topalov, Wijk aan Zee 1999.

Kasparov opferte mit 1.Txd4 den Turm und gewann. Die Verwicklungen übersteigen aber die menschliche Rechenfähigkeit.
Die gesamte Kombination.

Durch die Analyse Ihrer eigenen Verhaltensmuster können Sie herausfinden, wann Sie zu intuitiven Entscheidungen neigen und wie weit das Erfolg versprechend ist.